zum Shop

Allein unter Frauen

Gepostet von: am 27 März 2017 | Keine Kommentare

Antibes in Frankreich 1926: flirrende Hitze, die Sonne strahlt unerbittlich, Grillen zirpen – hier lässt es sich nur im Meer oder mit einem eisgekühlten Cocktail aushalten. Der junge Ernest Hemingway, Hadley Richardson und ihre Freundin Pauline Pfeiffer  alias „Fife“  verbringen den Sommer in Antibes genau so: mit Schwimmen, Bridge und kühlen Drinks. Dabei fragt sich Hadley, Hemingways erste Ehefrau, wie sie ernsthaft auf die Idee kommen konnte, ihre Freundin, die gleichzeitig die Geliebte ihres Mannes ist, einzuladen. Offensichtlich ahnt sie, dass dies der Anfang vom Ende ihrer Ehe ist. Hadley stellt ihrem Ehemann und Vater ihrer Sohnes John  („Bumpy“)  am Ende ihrer Ferien ein Ultimatum. Zurück in Paris wird sie in die Scheidung einwilligen, allerdings erst nach einer 100-tägigen Trennung von seiner Geliebten. Meint er es dann immer noch ernst, kann er Fife heiraten.

Eine Ehe mit Ernest Hemingway bedeute stets eine Ehe zu Dritt und wir erleben als Leser die pikanten Übergänge von einer Verbindung in die nächste. „Wenn Du diese Ehe hinter dir lässt, Ernest, wirst du Martha heiraten und dann feststellen, dass du doch wieder eine andere willst. Du liebst immer zu Beginn, wenn es am einfachsten ist zu lieben. Und wenn du weiter so durchs Leben gehst, wirst du nie über den Anfang hinauskommen.“ Das wirft Fife, die wohlhabende „Vogue“-Korrespondentin, Ehefrau Nummer zwei und Mutter seiner Söhne Gregory und Patrick, Hemingway vor, als er kurz davor ist, sie für die Kriegsreporterin Martha Gellhorn zu verlassen. Fife so heißt es, hätte Hemingway am aufrichtigsten geliebt – auch lange nach ihrer Scheidung.

Die Ehe mit Martha wird die kürzeste sein – nur fünf Jahre haben sie es zusammen ausgehalten. Martha und Hemingway verband die Abenteuerlust und eine Existenz inmitten der Kriegswirren: „Solange sie beschossen wurden, solange sie sich von fader Maultierwurst ernährten und einander nachts in den Armen halten konnten, während ringsum Häuser in die Luft flogen, solange waren sie glücklich.“ Doch Martha war zu unabhängig für Ernest und hätte es beinahe geschafft ihn zu verlassen bevor eine neue Frau in ihre Ehe trat – doch auch bei ihr sollte sich das traurige Muster wiederholen. Mary Welsh, ebenfalls eine Journalistin, schnappt sich Hemingway bevor Martha klar war, dass sie ihn verlassen will.

Naomi Wood unterteilt ihren Roman in vier Abschnitte: „Hadley“, „Fife“, „Martha“ und „Mary“ und verleiht jeder Ehefrau damit ihre eigene Stimme. In ihrem Nachwort betont die Autorin, dass ihr Buch reine Fiktion ist, dennoch ist es kein Geheimnis, dass sie sich auf die Spuren von Hemingway begeben und intensiv recherchiert hat. So erzählt sie ihre Version der Geschichte entlang der biographischen Fakten und legt dabei nicht nur das Seelenleben von vier stolzen Frauen frei, sondern gibt uns Einblicke in die sensible, weiche Seite des Frauenhelds. Gegen seine panische Angst vor der Einsamkeit trank Hemingway erfolglos an. Der Schriftsteller blieb am Ende alleine unter Frauen, denn keine vermochte es, ihn zu retten. Mary, die vierte und letzte Frau an seiner Seite, wird 1961 nach 14 Jahren Ehe ebenso unfreiwillig – jedoch unter anderen Umständen – von Hemingway verlassen wie ihre Vorgängerinnen: durch einen „Unfall mit dem Gewehr“.

Der Originaltitel des Buches lautet „Mrs. Hemingway“ und trifft den Kern des Buches besser. Jede war auf ihre Weise eine „Frau Hemingway“, doch auch jede eine Betrogene, die ihrer Illusion beraubt wurde, die einzig wahre Frau an der Seite von Ernest Hemingway zu sein. Umso erstaunlicher, dass alle vier auch nach ihren Ehen auf gewisse Weise freundschaftlich miteinander verbunden blieben.

Das Buch ist glänzend recherchiert und klug komponiert. Die vielen Dialoge und wörtlichen Reden machen die Geschichte lebendig und authentisch – das hätte auch Hemingway gefallen. Man lernt neue Seiten des Dichters kennen, aber vor allem gelingt es Naomi Wood in ihrem Buch, die Frauen an seiner Seite lebendig werden zu lassen. Und was vielleicht am wichtigsten ist, in dieser Geschichte behalten sie das letzte Wort.

Für Hemingway-Fans, literarisch Interessierte, Geschenk für die Freundin

Naomi Wood: Als Hemingway mich liebte. Roman. Übersetzt von Gerlinde Schermer-Rauwolf und Robert A. Weiß. Atlantik Verlag 2017, 368 Seiten. 12 Euro

Inventur des Lebens

Gepostet von: am 3 März 2014 | Keine Kommentare

Die neunzigjährige Helena lebt von ihren Erinnerungen. Es ist wie eine letzte Inventur, die sie in der Obhut ihrer Pflegerin Rachida vornimmt. Ihre Kindheit hat sie in Flandern verbracht, in der sie nur handarbeiten und Konversation betreiben durfte. Dabei ist es die Liebe zur Sprache und den Wörtern, die sie entdeckt und damit nicht ernst genommen wird. Auch die Jahre des Ersten Weltkriegs kehren vor ihr geistiges Auge zurück. In ihren Reflexionen über Zeit, Erinnerung, soziale Klasse, Krieg und Liebe entsteht die exemplarische Geschichte eines Frauenlebens im 20. Jahrhundert. Erwin Mortiers hoch gelobter und vielfach ausgezeichneter Roman verwebt gekonnt große Geschichte mit einem kleinem Menschenleben. Besonders beeindruckt die Sprache und das Gespür des Autors für die Risse und Wunden in den Seelen seiner Figuren.

Erwin Mortier: Götterschlaf. Roman. 368 Seiten. DuMont 2014. 9,99 Euro.

Jetzt online bestellen 

Rückzugsgebiet

Gepostet von: am 7 Februar 2014 | Keine Kommentare

Claudias Mann Robert testet in Schweden so genannte „Erlkönige“, Automodelle die noch nicht auf dem Markt sind. Eines Tages erhält sie einen Anruf aus seiner Firma, dass ihr Mann spurlos verschwunden sei. Möglicherweise könnte Robert auch in einen Unfall mit Fahrerflucht verwickelt sein. Nach anfänglichem Zögern entschließt sich Claudia, die Reise nach Schweden anzutreten, um auf den neuesten Stand der Ermittlungen gebracht zu werden. Dort erfährt sie nicht viel Neues, dafür findet sie Unterschlupf bei Birgitta. Sie nimmt sie liebevoll auf und umsorgt sie. Claudia findet so etwas wie ein neues Zuhause bei ihr. Mit der Zeit kommt Claudia ins Grübeln über ihre Ehe, ihr Leben, ihre Kinder. Ist der kleine Ort Arjeplog vielleicht eine Chance für einen Neuanfang? Trauer lässt sie noch nicht zu, denn sie glaubt fest daran, dass ihr Mann noch lebt. Das ist ein wunderbarer Roman der leisen Töne, in klarer Sprache erzählt und spannend bis zum Schluss!

Claire Beyer: Refugium. Roman. Frankfurter Verlagsanstalt 2013, 288 Seiten, 19,90 Euro

Jetzt online bestellen