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Kiez trifft Fernost

Gepostet von: am 26 April 2017 | Keine Kommentare

Dies ist ein Berlin-Roman der etwas anderen Art – Prenzlauer Berg trifft Fernost. Wer den Kiez kennt, dem kommen sofort die kleinen Gemischtwaren-Läden des Szene-Viertels in den Sinn, in denen man fast rund um die Uhr einkaufen kann und die von tüchtigen Menschen aus dem asiatischen Raum betrieben werden. So einen Laden betreibt im Roman der studierte Archäologe Sung. Er versorgt die Bewohner nicht nur mit Dingen des täglichen Bedarfs sondern setzt auch Trends mit Folklore-Artikeln aus Vietnam. Der eigentliche Star ist jedoch eine vietnamesische Holzpuppe, die in einer Grundschule Lehrer wie Schüler begeistert. Mit ihr nimmt die „anarchisch- kreative“ Verwandlung des Viertels seinen Anfang und auf einmal herrscht gute Laune in der Hauptstadt.

Mein Urteil: witzig, geistreich und sehr unterhaltsam!

Karin Kalisa: Sungs Laden. Roman. Droemer/ Knaur Verlag 2017, 256 Seiten, 9,99 Euro

Berlin, Fernost, Vietnam, Lehrer

Allein unter Frauen

Gepostet von: am 27 März 2017 | Keine Kommentare

Antibes in Frankreich 1926: flirrende Hitze, die Sonne strahlt unerbittlich, Grillen zirpen – hier lässt es sich nur im Meer oder mit einem eisgekühlten Cocktail aushalten. Der junge Ernest Hemingway, Hadley Richardson und ihre Freundin Pauline Pfeiffer  alias „Fife“  verbringen den Sommer in Antibes genau so: mit Schwimmen, Bridge und kühlen Drinks. Dabei fragt sich Hadley, Hemingways erste Ehefrau, wie sie ernsthaft auf die Idee kommen konnte, ihre Freundin, die gleichzeitig die Geliebte ihres Mannes ist, einzuladen. Offensichtlich ahnt sie, dass dies der Anfang vom Ende ihrer Ehe ist. Hadley stellt ihrem Ehemann und Vater ihrer Sohnes John  („Bumpy“)  am Ende ihrer Ferien ein Ultimatum. Zurück in Paris wird sie in die Scheidung einwilligen, allerdings erst nach einer 100-tägigen Trennung von seiner Geliebten. Meint er es dann immer noch ernst, kann er Fife heiraten.

Eine Ehe mit Ernest Hemingway bedeute stets eine Ehe zu Dritt und wir erleben als Leser die pikanten Übergänge von einer Verbindung in die nächste. „Wenn Du diese Ehe hinter dir lässt, Ernest, wirst du Martha heiraten und dann feststellen, dass du doch wieder eine andere willst. Du liebst immer zu Beginn, wenn es am einfachsten ist zu lieben. Und wenn du weiter so durchs Leben gehst, wirst du nie über den Anfang hinauskommen.“ Das wirft Fife, die wohlhabende „Vogue“-Korrespondentin, Ehefrau Nummer zwei und Mutter seiner Söhne Gregory und Patrick, Hemingway vor, als er kurz davor ist, sie für die Kriegsreporterin Martha Gellhorn zu verlassen. Fife so heißt es, hätte Hemingway am aufrichtigsten geliebt – auch lange nach ihrer Scheidung.

Die Ehe mit Martha wird die kürzeste sein – nur fünf Jahre haben sie es zusammen ausgehalten. Martha und Hemingway verband die Abenteuerlust und eine Existenz inmitten der Kriegswirren: „Solange sie beschossen wurden, solange sie sich von fader Maultierwurst ernährten und einander nachts in den Armen halten konnten, während ringsum Häuser in die Luft flogen, solange waren sie glücklich.“ Doch Martha war zu unabhängig für Ernest und hätte es beinahe geschafft ihn zu verlassen bevor eine neue Frau in ihre Ehe trat – doch auch bei ihr sollte sich das traurige Muster wiederholen. Mary Welsh, ebenfalls eine Journalistin, schnappt sich Hemingway bevor Martha klar war, dass sie ihn verlassen will.

Naomi Wood unterteilt ihren Roman in vier Abschnitte: „Hadley“, „Fife“, „Martha“ und „Mary“ und verleiht jeder Ehefrau damit ihre eigene Stimme. In ihrem Nachwort betont die Autorin, dass ihr Buch reine Fiktion ist, dennoch ist es kein Geheimnis, dass sie sich auf die Spuren von Hemingway begeben und intensiv recherchiert hat. So erzählt sie ihre Version der Geschichte entlang der biographischen Fakten und legt dabei nicht nur das Seelenleben von vier stolzen Frauen frei, sondern gibt uns Einblicke in die sensible, weiche Seite des Frauenhelds. Gegen seine panische Angst vor der Einsamkeit trank Hemingway erfolglos an. Der Schriftsteller blieb am Ende alleine unter Frauen, denn keine vermochte es, ihn zu retten. Mary, die vierte und letzte Frau an seiner Seite, wird 1961 nach 14 Jahren Ehe ebenso unfreiwillig – jedoch unter anderen Umständen – von Hemingway verlassen wie ihre Vorgängerinnen: durch einen „Unfall mit dem Gewehr“.

Der Originaltitel des Buches lautet „Mrs. Hemingway“ und trifft den Kern des Buches besser. Jede war auf ihre Weise eine „Frau Hemingway“, doch auch jede eine Betrogene, die ihrer Illusion beraubt wurde, die einzig wahre Frau an der Seite von Ernest Hemingway zu sein. Umso erstaunlicher, dass alle vier auch nach ihren Ehen auf gewisse Weise freundschaftlich miteinander verbunden blieben.

Das Buch ist glänzend recherchiert und klug komponiert. Die vielen Dialoge und wörtlichen Reden machen die Geschichte lebendig und authentisch – das hätte auch Hemingway gefallen. Man lernt neue Seiten des Dichters kennen, aber vor allem gelingt es Naomi Wood in ihrem Buch, die Frauen an seiner Seite lebendig werden zu lassen. Und was vielleicht am wichtigsten ist, in dieser Geschichte behalten sie das letzte Wort.

Für Hemingway-Fans, literarisch Interessierte, Geschenk für die Freundin

Naomi Wood: Als Hemingway mich liebte. Roman. Übersetzt von Gerlinde Schermer-Rauwolf und Robert A. Weiß. Atlantik Verlag 2017, 368 Seiten. 12 Euro

Geschwisterliebe

Gepostet von: am 13 März 2017 | Keine Kommentare

Eines meiner Lieblingsbücher der letzten Monate ist gerade im Taschenbuch erschienen: „Zwei Schwestern“ von Dorothy Baker.

Zwei Schwestern – charakterlich könnten sie nicht unterschiedlicher sein, äußerlich ähneln sie sich wie ein Ei dem anderen. Judith und Cassandra sind Zwillinge. Der Roman setzt ein, als die 24-Jährige Cassandra sich von Berkley aufmacht Richtung Elternhaus, um der Hochzeit ihrer Schwester Judith beizuwohnen. Doch in Wirklichkeit plant sie, die Heirat zu boykottieren. Für sie ist es unvorstellbar, dass sich Judith von ihr trennen will. Was will ihre hochmusikalische Schwester mit diesem jungen Arzt? Am Vorabend der Hochzeit kommt es zu  einem dramatischen Zwischenfall…

Dieser beeindruckende Roman von Dorothy Baker (1907-1968) erschien erstmals 1962. Für mich ein Buch, das ich mit großem Genuss gelesen habe und das lange nachwirkt.

Eine literarische Entdeckung!

Ein schönes Geschenk für die beste Freundin, Schwester, Mutter, alle literarischen Interessierten.

Dorothy Baker: Zwei Schwestern. Roman. Aus dem Amerikanischen von Kathrin Razum. dtv Literatur 2016. 280 Seiten. 10,90 Euro

 

 

Starke Gefühle

Gepostet von: am 6 März 2017 | Keine Kommentare

Heute möchte ich eins meiner Lieblingsbücher aus den aktuellen Neuerscheinungen vorstellen: „Herr Brechbühl sucht eine Katze“

Der Schweizer Schriftsteller Tim Krohn hat sich für dieses Romanprojekt die Vielfalt der menschlichen Regungen vorgenommen. Er seziert das Gefühlschaos der Bewohner eines Zürcher Mietshauses im Jahre 2001. Die 65 Kapitelüberschriften bezeichnen 65 unterschiedliche Emotionen, die Protagonisten betreffend. Da ist die allein erziehende Lektorin Julia, der Rentner Herr Brechbühl, ehemals Trambahnschaffner, Selina May, arbeitslose Schauspielerin, Efegenia Costa mit einem Drogenproblem, Pit und Petzt im Sexrausch und das Ehepaar Erich und Gerda Wyss, die sich über ihre Zukunft Gedanken machen.

Diese Hausgemeinschaft beschreibt Krohn mit so viel Empathie für seine Figuren, dass man als Leser regelrecht „mitwohnt“ und vor allem mitfühlt!

Tim Krohn kann einfach wunderbar erzählen –  mit Witz, Leichtigkeit und viel Einfühlungsvermögen. Eine lohnende, sehr unterhaltsame Lektüre!

Ein wunderbares Buch für Leser, die sich für Menschen, ihre Gefühle und Beziehungen interessieren!

Gesammelt und recherchiert für sein Buch hat der Autor mithilfe von Crowdfunding. Und das ging so: Krohn bat 111 Geschichten zum Verkauf an. Jeder Unterstützer durfte sich eine der Regungen von „aalglatt“ bis „zynisch“ aussuchen und erhielt zu jenem Begriff seine ganz persönliche Geschichte. Zum einen vergab er jeden Begriff nur einmal, zum anderen sollten die Unterstützer  zusätzlich ein bis drei ganz beliebige Wörter angeben, die sie in ihrer Geschichte wiederfinden wollten. Mit dem Erlös hat er übrigens das neue Badezimmer für seine Mutter finanziert.

Man darf gespannt sein auf die weiteren Bände…

Tim Krohn: Herr Brechbühl sucht eine Katze. Verlag Galiani 2017. 480 Seiten. 24 Euro.

Hier könnt ihr mehr über Tim Krohns Projekt erfahren: www.menschliche-regungen.ch